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©arsten Lübbert
Grenzerfahrungen

von
Dr. Werner von Hoerschelmann



Kategorien
Alltägliches; Besinnliches; Historisches; Naturkundliches
Sich erinnern

Die deutsch-deutsche Grenze verlief in Sichtweite des Kanals in seinem südlichen Verlauf. Die dort ansässigen Kanalmenschen haben die Grenzöffnung besonders intensiv erlebt. Hier ist die Schilderung einer "Grenzerfahrung" kurz vor dem Mauerfall.

Wie das Weltbild eines Grenzers zusammenbrach
Ein Tag im Dezember 1989. Ich fahre mit meinem Fahrrad an die Grenze zwischen Lauenburg und Büchen, wo sich der Fluch der deutschen Teilung in besonderer Weise zum Segen für die Natur gewandelt hat. Beidseits des Zaunes ist eine ökologische Nische entstanden, in der sich Kraniche und Eisvögel, Libellen und Fischotter heimisch fühlen.
Die Grenze dort: ein Bach, ein Stück Wiese und dann der Zaun.
Während ich dort die Natur beobachte, kommen zwei DDR-Grenzwächter auf einem Motorrad auf mich z. In früheren Tagen hätte ich mich diskret zurückgezogen. Heute bleibe ich.
Die beiden jungen Grenzer kommen näher. Etwa 60 Meter vor mir halten sie, stellen ihr Motorrad ab, legen ihre Waffen nieder, wollen sichtlich Pause machen. Sie sehen mich – und sehen einander an. Einer fasst Mut, nähert sich mir auf wenige Meter. Nur jetzt nichts Politisches sagen! Denke ich noch. Also frage ich nach den Fischottern, die ich meine gesehen zu haben.
Und auf diese Frage hin beginnt ein Prozess, der in der DDR zwar schon seit einiger Zeit im Gange ist, aber im Gemüt der Grenzwärter erst in diesem Moment Realität wird. „Mag sein, das es die hier gibt“, sagt der eine, sieht dabei seinen Kollegen an. Der grinst nur zustimmend. Also richte ich meine nächste Frage an ihn: Ob die Wachhunde zwischen den Zäunen noch da sind? Mit Blick auf den anderen holt auch er sich Mut zur Antwort: Nein, die sind nicht mehr da. So ergibt ein Wort das andere. Es entspinnt sich eine muntere Unterhaltung, die gerade dabei ist, sich auszumalen, ob die Wege zwischen den Zäunen nicht als Moto-Cross-Strecke für jugendliche Fans vermietet werden könnten – zum Eintrittspreis von fünf Mark „West natürlich“, sagt gerade der eine, da nähert sich ein Offizier. Die beiden erstarren. Dann aber macht einer eine verächtliche Handbewegung, und sie setzend as Gespräch fort.
Der Offizier scheint Entschlossen, dem Plausch ein Ende zu setzen: Gespräche mit Westlern über die Grenze – bis gestern eine Todsünde wider den sozialen Geist, die nur mit Bautzen gesühnt werden könnte und bis dato so unwahrscheinlich wie ein Dialog mit einem Fisch. Auf Blickkontakt an uns herangekommen, stoppt der sichtlich empörte dienstbeflissene Vorgesetzte sein Motorrad.
Er sieht und an, und er denkt; es ist fast sichtbar und hörbar. Weltbilder müssen in seinem Inneren zusammenstürzen! Sein armes Gemüt – es muss in diesem Moment eine Epoche verarbeiten! Und weil in Umdrehung Morgensterns „tatsächlich ist, was nicht sein darf“, kapituliert er, dreht sein Gefährt um und entschwindet.
Wir drei sehen uns lächelnd an, als könnte uns nie wieder etwas in unserer Unterhaltung stören. – schon gar nicht der lächerliche Grenzstein, der einen halben Meter vor unseren Füßen im Boden steckt.
Nur eines: die ökologische Nische
- müsste sie nicht erhalten bleiben?

Dr. Werner von Hörschelmann (in "Die Welt" vom 23.12.1989)


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