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©arsten Lübbert
Mais und Mais

von
Claus Hansen



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Naturkundliches; Besinnliches
Langsam zogen ovale, ausgefranste Schönwetterwolken über einen blassblauen Frühsommerhimmel. Ich war zu Besuch am Kanal und nutzte das milde Frühsommerwetter für einen Fußmarsch entlang des Wassers in Richtung Stadt. Etwa auf halber Strecke blieb ich stehen und genoss den Blick von der Deichkrone in das weite, schöne Land. Hinter mir raschelte ein leichter Wind in den aufstrebenden Blättern eines Maisfeldes, das sich bis zum Horizont erstreckte und an einem schattigen Waldrand endete. Was würde aus diesen schon recht hoch gewachsenen, nahrhaften Pflanzen werden, nachdem sich im Herbst eine hoch technisierte Erntemaschine wie ein hungriges Rieseninsekt in das Feld vor gefressen hatte, überlegte ich. Vielleicht rollten die gelben Körner in bunte Konservendosen oder würden als Popkorn in einer Kinovorhalle angeboten? Nein, viel wahrscheinlicher würde alles nach aktuellen Wirtschafts- und Renditevorgaben zu Biosprit verarbeitet und in einem Motortank landen!
In der Schule lernten wir, dass Mais bereits vor Jahrtausenden geduldig und mühevoll aus Wildgräsern gezüchtet wurde, zur Zeit von Kolumbus aus Mittelamerika nach Europa kam und sich schnell über alle Kontinente verbreitete. Menschen verdanken bis heute ihr Überleben dem Mais.
So in Gedanken versunken, mit dem Blick über Kanal und Maisfelder erinnerte ich mich an ein Maiserlebnis in Ostafrika . Ich sollte da ein landwirtschaftliches Projekt organisieren und überwachen – zum Glück keinen kommerziellen Maisanbau in großem Stil.
Als erstes musste ich eine geeignete Fläche finden. Ich mietete mir also einen robusten Geländewagen und erkundete, unterstützt von einem einheimischen Fahrer, die nähere Umgebung. Am Vorabend hatte sich ein kräftiges Tropengewitter entladen, so dass wir trotz Allradantrieb nur langsam auf einem rutschigen, kaum erkennbaren Pfad vorankamen. Links und rechts wuchs dichtes Buschwerk und hohes Elefantengras, aus dem Schwärme von schwarzen Ibisen und weißen Kuhreihern aufflogen. Abrupt endete die Piste an einem flachen, völlig ebenen Acker von der Größe eine halben Fußballfeldes. Der Fahrer stoppte, ich lehnte mich aus dem Fenster und erkannte in dem hellen Ackerboden ein Muster von zwei Reihen dunkler Flecken, die aussahen wie große Spuren. Und dann sah ich eine schlanke, junge Frau bei der Feldarbeit. Tief gebeugt grub sie mit einer schweren Hacke Vertiefungen in den Boden, nahm aus einer bunt gemusterten Umhängetasche ein in der Sonne aufleuchtendes Maiskorn, legte es in die gegrabene Kuhle und ebnete den feuchten, dunklen Aushub sorgfältig darüber. Auf ihrem Rücken schaukelte ein Kleinkind, das von einem Tragetuch gehalten wurde.
Ich wollte gerade den Fahrer auffordern den Wagen zu wenden, als ich am gegenüber liegenden Feldrand eine graue, gedrungene Gestalt bemerkte, die langsam aus dem Schatten von Eukalyptus und Schirmakazien hervortrat und wachsam die arbeitende Frau beobachtete. Vor den dunklen Hintergrund aus Gras und Büschen war nun deutlich ein kräftiger Mantelpavian zu erkennen. Eine dichte, silbergraue Mähne hing von den breiten Schultern. Er wirkte beeindruckend und aggressiv. Offensichtlich konnte uns das Tier in unserem Schlamm bedeckten Geländewagen nicht erkennen. Die Pflanzerin arbeitete mit dem Blick in die entgegen gesetzte Richtung. So kam der der Pavian mit langsamen, leicht schwingenden Schritt, wie ein Tänzer auf einem Drahtseil auf uns zu und setzte sich in einer Entfernung von etwa drei Wagenlängen zielstrebig an eine nächstgelegene dunkle Saatstelle. Mit geschickten Fingern kratzte er das das gelbe Maiskorn aus dem Boden, wischte es in seinem Pelz ab und schob es sich genüsslich in den Mund. Mit mahlenden Kiefern rutschte er methodisch und Kräfte sparend auf seinem kaminroten Hintern zur nächsten Pflanzstelle.

Regungslos und gebannt beobachtete ich diese bizarre Situation und verspürte eine gewisse Sympathie für das durchdachte Vorgehen des Tieres. Aber dann kam der andere Gedanke: Aus jedem entnommenen Korn wäre eine Maispflanze gewachsen, von deren Ertrag die junge Frau sich und ihre Familie zwei oder drei Tage hätte ernähren können. Am meisten Cash aber hätte der zu „Bio“sprit verarbeitete Mais gebracht. Meine Gedanken bewegten sich im Dreieck zwischen Affe, Frau und Motor und landeten bei der Alternative: Mensch oder Motor? – Wie schön für die Bauern am Elbe-Lübeck-Kanal, die mit ihren ausufernden Maisfeldern nicht an hungrige Menschen denken müssen! – Oder?
Ein in tiefem Bass gemurmeltes „Harami!“ neben mir brachte mich vom Elbe-Lübeck-Kanal zurück nach Afrika. „Harami!“ – Räuber, Dieb! Der Fahrer wusste, was zu tun war. Und ich wusste, was er jetzt tun wollte. Geräuschlos und grinsend griff er in die Ablage unter dem Armaturenbrett und holte seine Schleuder hervor. Ich lehnte mich zurück, damit er freies Schussfeld hat. Bis zum Äußersten wurden die starken Gummistreifen gespannt, sorgfältig gezielt, und dann surrte der glatte Stein an meiner Nasenspitze vorbei in Richtung Maisdieb.




Ein perfekter Treffer! Der Pavian sprang mit einem gellenden Schrei und gebleckten Reißzähnen senkrecht in die Höhe und verschwand mit überhasteten Sprüngen und pausenlosem Gekreische im hohen Gras.
Überrascht von dem ungewohnten Lärm in der ländlichen Stille (wie am Kanal), richtete sich die arbeitende junge Pflanzerin auf, streckte sich, schob ihr Kind auf dem Rücken zurecht und schaute zu uns herüber. Ich winkte, sie nickte und setzte ihre mühevolle – und für sie hoffnungsvolle – Arbeit fort.
Und da war ich wieder, zurück am Kanal zwischen Lauenburg und Lübeck. Es war der gleiche Mais: hier und dort und die gleiche Hoffnung von Menschen und Tieren, von ihm leben zu können. Und das wird auch klappen, wenn sie es richtig anstellen und dem „God of Genesis“ (s. Bild) nicht zu sehr ins Handwerk fuschen. Der Mais gehört jedenfalls in die Mägen der Menschen, vielleicht auch in die der Affen, nicht aber in die Tanks der Autos!

Claus Hansen