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©arsten Lübbert
...., den sie Max nannten

von
Jürgen Jakubeit



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Historisches; Alltägliches
Von der Lauenburger Schleuse zum Liegeplatz sind es 600 m. Ich stehe auf dem Vorderschiff der zum Motorschiff umgebauten Schute und schaue bereits sehnsüchtig auf die vielleicht 12 Schiffe, die da vorne auf der linken Seite des Kanals liegen. Langsam, viel zu langsam für mich ungeduldigen Knirps nähern wir uns der Anlegesstelle und machen längsseits einer umgebauten Panzerfähre fest. Meine Mutter, die das Schiff vorn vertäut, wirft einen besorgten Blick zu mir, denn aufgeregt wie immer möchte ich sofort an Land stürzen und nachschauen, welche Freunde ich zum Spielen treffen kann. Erwartungsvoll laufe ich entlang des Treidelpfads die Reihe der vor uns liegenden Schiffe ab und tatsächlich, ich entdecke die Kinder, die im Spiel vertieft, noch gar nicht gemerkt haben, dass sich ein weiterer Spielkamerad dazu gesellt.
Glücklich und vollauf beschäftigt mit unseren Spielen – Schiffchen fahren, Beladen, Löschen , mit dem Ball und vor allem Laufen, Laufen, Laufen. Wir genießen die Freiheit und die Geselligkeit, die wir in unserem Leben an Bord doch sehr vermissen, bis zur totalen Müdigkeit. Es ist Zeit, wieder an Bord zu gehen, zu Essen und zu Schlafen. Ein schöner Tag geht zu Ende und in der Gewissheit, dass wir am nächsten Tag unser Spiel am Kanal fortsetzen können, schlafen wir wohl alle glücklich ein.
Es ist ein bescheidenes Leben, das wir an Bord führen. Eine Kajüte von 10 m², Kojen, die an den Spanten zu kleben scheinen, Tisch und Stühle, nicht viel für 3 Personen, meine Eltern und mich.. Es gibt eine kleine Luke, die zum Laderaum hin öffnet. Dies ist dann mein Ausgang zum Spielplatz, den ich immer für mich allein nutzen kann. Doch heute sind wir noch in Lauenburg und meine Freunde sind da.

Während wir unbekümmert unseren Spielen nachgehen, kümmern sich die Frauen um den Haushalt, die Wäsche und malen Hin und Wieder auch am Schiff. Die Männer gehen von morgens 9 bis 12 Uhr und nachmittags ebenfalls eine Stunde zum Appell, so nennt sich der Raum neben der Gaststätte Hagen am Lauenburger Hafen, gleich hinter der Werft Heidelmann. Es ist eine Zweigstelle des Schifferbetriebs-Verbandes. Sie müssen sich dort einfinden, weil hier die Ladungen ausgeboten werden. Hier wird vom Hamburger Befrachter angerufen, wenn eine Ladung Kies gefahren werden soll. Die Ladung bekommt, wer an der Reihe ist. An manchen Tagen gibt es mehrere Ladungen an vielen Tagen aber auch keine.
Obwohl die Stimmung der Eltern schon etwas gedrückt ist, wenn es schon mehr als eine Woche dauert, dass wir mit einer Ladung an der Reihe sind, merken wir Kinder wenig davon, denn der Abhang der Kanalböschung wird für uns zum Paradies und der ständige Kontakt miteinander lässt richtige Freundschaften entstehen. Aber leider, jedes mal wenn ein Schiff abfährt, ist auch ein Spielkamerad weg.
So ist das Schifferleben eben.
Und dann ist es so weit. Ich sehe mehrere Männer von der Lauenburger Brücke kommend, auf die Schiffe zu rennen. Mein Vater ist auch dabei. In größter Eile werden die Kinder und Frauen an Bord beordert, die Landstege eingeholt, die Motoren angeworfen und die Leinen losgemacht. Es geht los nach Güster. Wer zuerst kommt, lädt zuerst, deshalb die Hektik. Während der Fahrt nehme ich meinen Platz in der Kajüte oder im Laderaum ein bis zum Schleusenvorgang in Witzeeze. Neugierig stehe ich wieder neben Mutter auf dem Vorschiff, während Vater das Anlegemanöver fährt. Gleich bei der Einfahrt in die Schleuse werde ich vom Schleusenwärter begrüßt:“ Hallo Max, wie gehts?“ „Ich heiße Jürgen“, protestiere ich mit einiger Heftigkeit. Er weiß das natürlich lange, tut aber so, als habe er es vergessen, denn die Schute heißt Max und er konnte sich gut vorstellen, dass mein Vater sein Schiff nach mir
benannt hatte. So geht es mir immer und man kennt mich auf den Schleusen von Büssau bis Lauenburg.


Man kann an vielen Dörfern am Kanal Kies laden: in Lanze, in Siebeneichen und dem vielleicht bekanntesten: in Güster. Man kann es leicht verfehlen, denn zwischen Büchen und Mölln gibt es links plötzlich ein Loch in der Kanalböschung. Eine Betonbrücke führt darüber. Biegt man hier ein, ergibt sich ein kleines Wasserlabyrinth. Mein Vater weiß natürlich wie er zum „Gummibagger“ oder zum Eimerbagger fahren muss. Der „Gummibagger“ ist ein Schiffskran mit einem Föderband mit Gummibelag.
Er ist an einer Sandinsel verankert. Der mit einer Dampfmaschine betriebene Eimerbagger ist für mich ein riesiges Ungetüm , das sich zischend, polternd und kreischend unentwegt hinein in das hochgelegene Land frisst. Mit jeder Schaufel baggert er so den groben Kies und eine Menge Wasser direkt ins Schiff.
Voll beladen mit 170 Tonnen Kies im Bauch tuckert unsere Schute nun gen Hamburg. Mit der vollen Leistung von immerhin 5 PS treibt der kleine Dieselmotor die Schute mit 3 km/h durch den Kanal. Kinder von Land fragen häufig, warum wir denn so langsam fahren. Natur und Landschaft genießen, antwortet der Vater regelmäßig. Was soll er auch sonst sagen. Für mich gibt es nun einen eigenen Spielplatz mit 3 hohen Kiesbergen, die besteigen, von denen ich herunterrutschen und die ich umschaufeln kann. Am Löschplatz in Hamburg werden Trampelpfade von kleinen Füßen von meinen Aktivitäten zeugen: rauf, runter,rauf, runter.... und es wird wieder einmal heftige Tränen geben, weil der Greifer beim Entladen des Schiffes eine kleine Schaufel erfasst und den Stiel zerbrochen hat.
In der Schleuse Lauenburg schickt mich die Mutter zu Koch, dem Einzelhändler und zu König, dem Bäcker frische Brötchen, Butter und andere Kleinigkeiten einkaufen. Ich mache diese Gänge natürlich gerne, weil ich immer etwas Leckeres geschenkt bekomme. Ich muss mich natürlich beeilen den Berg hoch und zurück, denn der Schleusenvorgang läuft währenddessen ab. Als ich mit meinen Utensilien zur Schleuse zurückkomme, liegt mein Schiff nun 2,5 m tiefer als die Schleusenoberkannte. Wie komme ich jetzt auf's Schiff? Ich habe Angst. Der Vater kommt mir auf den Eisenstiegen entgegen und hilft mir nach unten. Dort angekommen, blicke ich an der glatten, vom Algenbewuchs glitschigen Schleusenmauer nach oben. Etwas unheimlich ist das alles schon.
Von der Lauenburger Schleuse zum Anlegeplatz für Schiffe sind es immer noch 600 m. Dazwischen liegt ein Kiesumschlagplatz. Dicke Dalben sind in den Kanal gerammt worden um den schweren 1500 Tonnen tragenden Schiffen Halt zu geben. Ich lasse meinen Hund von der Leine. Er kann nun frei an der Kanalböschung tollen, frei wie ich mich fühlte, als ich diesen Spielplatz von 57 Jahren für mich entdeckte.
50 Jahre war ich nicht mehr hier, nun lebe ich in Lauenburg. Der Täter kehrt immer an den Tatort zurück, denke ich, während ich meinen Weg Richtung Lanzer Brücke fortsetze und darüber grübele , ob dies eine Kanalgeschichte ist.
Lauenburg im Juni 2007

Jürgen Jakubeit