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©arsten Lübbert
Von Stöcken und Steinen

von
Brigitte Gerkens-Harmann



Kategorien
Naturkundliches; Heiteres

Es gibt arbeitswütige Menschen. Es gibt aber auch Hunde, die zu Workaholics werden. Meine Labradorhündin gehört, zeitweise, in diese rastlose Spezies. „Bonny“ hat sich zur Arbeitsaufgabe gemacht, (fast) alle Stöcke, die sie auf unseren täglichen Spaziergängen am Elbe-Lübeck-Kanal bei Mölln findet, nach einem höchst komplizierten Auswahlverfahren zu prüfen. Die Kriterien sind, ob sie sie nur kurz anhebt, sie einige Meter trägt oder sich mit ihnen den ganzen Spaziergang abkämpft. In arge Konflikte gerät sie immer dann, wenn sie, mit voller Schnauze, einen noch schöneren Stock sieht. Dann gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder sie tauscht den ersten Stock gegen den vermeintlich besseren Zweiten. Manchmal reißt sie ihre Schnauze weit auf und trägt beide. Ihr Faible gilt stets den größten und schwersten Ästen, die sie jedoch nicht immer in der Mitte erwischt, sondern oft mit einem Astende tiefe Furchen in den Boden schrammt. Bei schnellen Kurvenbewegungen meines Vierbeiners muss ich dann höllisch aufpassen, damit ich die Holzscheite nicht an die Beine gekickt bekomme.

Eine feuchte Variante sind Stöcke, die nach Tauchgängen im Kanal an die Oberfläche mit viel Geschnaufe gebracht werden. Dabei reichen ihr nicht die von mir geworfenen Zweige. Ihr Ehrgeiz liegt bei den Ästen, die vermodert sind und voller Schlamm. „Bonny“ als arbeitswütiger Seehund kann auch an Steinen nicht vorüberschwimmen. Mit elegantem Schwung werden die pfundigen Brocken ans Ufer geworfen.

Heikel wird ihre Arbeitsauffassung was Stöcke und Steine angeht, wenn wir mit anderen Vierbeinern spazieren gehen. Dann kann meine sonst so freundliche Hündin nervös werden. Zwar gibt es von ihr keinen knurrenden Kommentar, doch mit List und Tücke schafft sie es immer, ihre hölzernen Arbeitsutensilien außer Reichweite anderer Schnauzen zu bringen. Ihrer liebsten Freundin, Neufundländerin „Beau“, gestattet sie gnädig auch mal das „Gespanntragen“. Dann werden die langen Äste einträglich in zwei Schnauzen getragen.

„Bonnys“ Sammelleidenschaft wird manchmal lästig, denn bis vor den Kofferraum meines Kombis trägt sie ihre hölzerne Beute, um sie ins heimische Körbchen zu nehmen. Das habe ich nur einmal mitgemacht, weil sie den schweren Holzklotz so ausdauernd trug. Leistung muss belohnt werden, dachte ich. Also verschwand „Bonny“ mit dem Ast im Wagen. Beim Aussteigen dann die Bescherung: Mein Hund hatte sich in ein Sägewerk verwandelt und körbeweise Späne produziert.

Brigitte Gerkens-Harmann