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©arsten Lübbert
Leben am Kanal

von
Marianne Käver



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Besinnliches


Der Wecker schrillt, unerbittlich. 5 Uhr 30. Irgendwie gelingt es mir, bei geschlossenen Augen mit zielsicherem Griff dem Lärm ein Ende zu bereiten. Geweckt bin ich, aber nicht wach – und trotzdem: Ich richte mich ein wenig auf, riskiere einen Blick vom Bett aus nach draußen, Richtung Osten, Rich¬tung Kanal. Er „dampft“, der Kanal. Nebelschwaden kriechen über die Wasseroberfläche, darüber blauer Himmel, und Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Baumkronen.
Zufrieden sinke ich zurück in die Kissen, um noch ein bisschen die Stille zu genießen. Der Hund guckt, ziemlich müde noch, um die Ecke zum Guten-Morgen-Sagen.
Ja, da war doch noch was – ach ja, ich muss aufstehen und ins Büro nach Hamburg fahren. Es fällt nicht ganz leicht, aber schließlich läuft alles wie am Schnürchen. Bad – Frühstück – Verabschiedung vom Hund (er wird später von lieben Nachbarn abgeholt und, bis ich wiederkomme, bestens versorgt). Der 15-minütige Weg mit dem Auto zur Regionalbahn nach Hamburg ist so abwechslungsreich wie schön. Die Straße führt vom Kanal nach oben ins Dorf. Dann geht es auf und ab durch Dörfer, Feld und Wald. Nebel, Sonne, Regen, Schnee, Eis – alles ist drin, je nach Jahreszeit. Und schon morgens freue ich mich auf das Nachhausekommen am Abend.

Hamburg ist eine faszinierende Stadt. Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, war ich tief beeindruckt von so viel Offenheit, Freiheit, Großzügigkeit. Die Alster, der Hafen, die Fleete und Kanäle – die große weite Welt schien zum Greifen nahe. Mit den Jahren legte sich die Begeisterung: die dauernde Betriebsamkeit, der Lärm und die Hektik, die vielen Menschen – und immer wieder neue Inszenierungen, Events für die Massen – all das stößt mich eher ab. Das Ideal – eine gute Mischung von Anregung und Ruhe – bietet das Leben am Kanal, die Kraft für die tägliche Arbeit in Hamburg beziehe ich aus dem Leben in und mit der Natur am Kanal und den Menschen dort.

Und langweilig ist dieses Leben keineswegs. Denn was ist ein Feuerwerk mit Menschenmassen an der Alster im Vergleich zu einer Vollmondnacht am Kanal? Was ist der Besuch eines Kreuzfahrtschiffes im Hamburger Hafen im Vergleich zum Rasten der Kraniche im Frühjahr auf ihrer Durchreise in den Norden? Was ist die Schlemmermeile am Jungfernstieg im Vergleich zum Apfel- und Kartoffelfest in unserem Dorf? Was ist denn schon das Stuttgarter Weinfest auf dem Rathausmarkt im Vergleich zu unserem Weinfest am Sprüttenhus? Und was ist Hagenbecks Tierpark im Vergleich zu den Beobachtungen am Kanal, wo Singschwäne nachts ihre Unterhaltung pflegen, wo Haubentaucher-Mütter ihre Küken auf dem Rücken über das Wasser tragen, während die Väter sich um die Nahrung kümmern, wo einem Füchse über den Weg laufen und Fischadler von Krähen, die Junge haben, in die Flucht geschlagen werden? Und zu allerletzt – last not least: Was ist die Sozialbehörde einer Millionenstadt im Vergleich zu einem Netzwerk von Menschen, die füreinander da sind, wo und wann es nötig ist?

Marianne Käver