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©arsten Lübbert
Eine lange Liebe

von
Dr. Werner von Hoerschelmann



Kategorien
Alltägliches; Besinnliches; Heiteres; Historisches
April 2007. Das schöne Wetter will gar kein Ende nehmen. Das ideale Wetter für eine Radtour - am besten entlang des Elbe-Lübeck-Kanals. "Das Radeln ist des Menschen Lust." Der Müllerbursche wäre bestimmt per Rad auf Wanderschaft gegangen - hätte er eines gehabt.

Ein älteres Semester der Spezies homo canalis folgte diesem leicht technisierten Wandertrieb und Lustprinzip und begab sich auf Tour.
Aber anstatt die herrliche Natur um sich herum zu bewundern, zog plötzlich sein Gefährt all seine Aufmerksamkeit auf sich. Der April 1947 kam ihm in den Sinn. Damals waren die beiden, das Fahrrad und er, sich zum ersten Mal begegnet. Und es wurde eine nun genau 6O Jahre andauernde Liebesgeschichte!
Der Junge von damals konnte sein Glück kaum fassen, als seine Mutter ihm sagte: "Wir haben es geschafft. Wir haben auf dem schwarzen Markt ein Fahrrad für dich ergattert." - Kein Porsche von heute kann es emotional mit einem Fahrrad von damals aufnehmen!
Wie hatte sie es geschafft, die Flüchtlingsfrau mit 5 Kindern und sonst nichts? Sie hatte keine Tafelsilber, keine Perserteppiche und schon recht keine amerikanischen Zigaretten. Aber sie hatte einen höchst cleveren und geschäftstüchtigen Neffen. Der stammte aus dem Ort, in dem sie als Flüchtling gelandet war. Und der hatte 1000 Beziehungen, eine für das Fortkommen ihrer Kinder hart kämpfende Tante - und so eines Tages auch dieses Fahrrad für seinen sehr viel jüngeren Cousin.
Und diesem jüngeren Cousin ermöglichte dieses Fahrrad den Besuch der höheren Schule und daraus folgend das Abitur und das Studium und die Promotion etc.pp. Ohne dieses Fahrrad wäre er Absolvent der dörflichen Zwergschule geworden und geblieben.
Dieses Fahrrad hat ihn dann später zu seinen unterschiedlichen Büros getragen. Er hat sein Auto stehen lassen, wann immer es ging, und ist mit diesem Fahrrad gefahren.
Und jetzt fährt er mit eben diesem Fahrrad täglich am Elbe-Lübeck-Kanal, begleitet von seinen Hunden - und staunt über dieses Phänomen, - denn genau diesen Markennamen trägt sein Fahrrad: "Phänomen." Wie alt es wirklich ist, weiß er nicht. Denn auf dem schwarzen Markt wurde naturgemäß nur Gebrauchtes verkauft. Und dass vieles an diesem Rad im Laufe der 60 Jahre ersetzt werden musste, ist ihm bewusst. Es ist heute vielleicht ein bisschen originaler als Goethes Gartenhaus in Weimar. Aber dass er sich von diesem Rad nicht trennen wird bis er es nicht mehr fahren kann oder der Tod sie scheidet, das steht fest.
Im Stillen wünscht er sich, dass dieses Rad ihm dann einmal als Grabbeigabe auf den Sarg gelegt wird (als kleiner Scherz für alle späteren Friedhofsgärtner und Kuhlengräber.) - Man denke nur an die Notabeln der Wikinger mit ihren Booten, die sie zu aller letzten Reise mit ins Grab nahmen oder an die vielen Hünengräber der Slavenfürsten. Der Kanal ist ja gesäumt von diesen geheimnisvollen Gräbern. Und in den meisten Fällen haben sie das Geheimnis ihres Inhalts für sich behalten.

P.S. Nachzutragen wäre noch, wie dieser alte, über 60jährige Drahtesel für seinen Besitzer zur Staatskarosse mutierte. Der fuhr - damals in Hamburg - zu einem hochkarätigen Meeting in einem der Hamburger Tophotels - natürlich mit seinem alten Fahrrad. Alle anderen kamen per Auto, teils mit großen Limousinen und Chauffeur - unter ihnen auch ein General der Bundeswehr. Der Fahrradbesitzer wollte sein Rad in der Nähe des Hauptportals anschließen, wurde daran aber auf rüde Weise vom Wagenmeister des Hotels gehindert. Ein altes, schäbiges Rad hatte vor dieser feinen Kulisse keinen Platz. - Im selben Moment kam der General vorgefahren. Blitzschnell erkannte er die Situation, ließ seinen Chauffeur scharf stoppen, sprang in voller Uniform aus dem Wagen, salutierte vor dem Fahrradbesitzer, nahm das Fahrrad und fragte laut vernehmbar: "Wo darf ich Ihren Wagen parken?" Der Fahrradbesitzer wies auf einen Pfahl und gab dem General die Kette zum Anschließen.. - Dem Wagenmeister fiel alles aus dem Gesicht, was nicht fest war - vor allem die Fassung. Man kann es nicht anders sagen: er glotzte nur noch. Von dem Tage an übernahm er die Wacht am Rad, wenn immer dessen Besitzer sich in dieses Hotel begab.
Und nun ist dieses Fahrrad längst ein täglich gefahrenes Kanal-Rad geworden. - Und das hoffentlich noch lange!

Werner Hoerschelmann