RZ-Kultur, das Kulturportal im Kreis Herzogtum LauenburgLandeskulturverband Schleswig-HolsteinMuseen in Schleswig-Holstein / Kreis Herzogtum LauenburgKulturnetz Schleswig-Holstein
©arsten Lübbert
Fette Herzen

von
Christoph Ernst



Kategorien
Künstlerisches; Besinnliches
Kapitel 12, Auszug aus dem Kriminalroman „Fette Herzen“,
Autor: Christoph Ernst

http://www.blutiger-ernst.com
Emons, Köln, 2006.
ISBN 13 -978-3-89705-469-1
ISBN 10 -3-89705-469-8.
Ladenpreis 9 €.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Emons-Verlags
und des Autors



Lauenburg ist ein beschauliches Städtchen am Nordufer der Elbe. Über dem steil aufragenden Geesthang, von wo aus man über den Fluss weit in das Elbtal blicken kann, residierten einst askanische Herzöge, die die Salzstraße von Lüneburg nach Lübeck kontrollierten und den Stecknitz-Kanal ausheben ließen, eine der ersten künstlichen Wasserstraßen Europas. In der Unterstadt am Flussufer künden noch heute aufwendig verzierte Fachwerkhäuser vom früheren Reichtum der Stadt. Eine große Brücke verbindet den südöstlichsten Zipfel Schleswig-Holsteins mit Niedersachsen, an die Kais verirrt sich gelegentlich ein Kümo, und vor der Kulisse der Altstadt strahlt die »Kaiser Wilhelm«, ein antiker Raddampfer, der sommers Ausflügler stromaufwärts bis Hitzacker und Dömitz bringt.
Die Straße von der Brücke aus führte durch das Vorwerk und über den Elbe-Lübeck-Kanal durch den Ostteil der Unterstadt an Werft und Yachthafen vorbei in einem großen Bogen auf die B 5. Dickmais wohnte in der Oberstadt, wo Lauenburg nicht mehr ganz so prächtig glänzte und sich die Bausünden der Sechziger mit Hartz IV ein Stelldichein gaben. Der schmutzig gelbe dreistöckige Klinkerkasten, hinter dessen zu klein geratenen Fenstern gerüschte Gardinen klebten, bestach nicht unbedingt als die Art Domizil, mit der ehemalige Pharmareferenten angeben. Immerhin lockte vor der Haustür ein legaler Parkplatz. Einige der Anrainer gingen hier offenbar noch arbeiten.
Die kniehohe Buchsbaumhecke um den verwahrlosten Vorgarten duftete streng nach Tierliebe. Es gab sechs Mietparteien. Dickmais' Klingel war die dritte oben rechts. Auf mein Drücken kam keine Reaktion. Als ich eben erwog, bei den Nachbarn zu fragen, näherte sich eine Rentnerin mit frischer Dauerwelle. Sie setzte stöhnend zwei pralle Lidl-Tüten ab und begann in ihrer Manteltasche mit Schlüsseln zu klimpern.
»Ich will zu Herrn Dickmais«, erklärte ich. »Scheint keiner da zu sein. Haben Sie eine Ahnung, ob er verreist ist?«
»Verreist?« Sie hob spöttisch die beiden braunen Striche, die sie statt Brauen auf der Stirn trug, und beäugte mich skeptisch. »Hat er Schulden bei Ihnen?«
»Wär mir neu. Ich bin der Freund eines Freundes. Oder denken Sie, ich sei vom Finanzamt?«
Ihre fleischige Unterlippe wanderte nach vorn. »Nicht wirklich, aber man weiß ja nie ...« Sie wies mit dem Kinn in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war. »Versuchen Sie's mal in der ›Melone‹. Da vorn gleich auf der Ecke. Da ist er sonst immer um diese Zeit.«

Als ich durch den Windfang trat, waberte mir der säuerliche Dunst von Rauch, abgestandenem Bier und ranzigem Männerschweiß entgegen.
Meine Augen brauchten eine Weile, um sich an das Schummerlicht zu gewöhnen. Aus den Deckenlautsprechern rieselte »Delila«. Das passte zu dem antiquierten Rotamint, der zwischen Garderobe und Klo vor sich hingurgelte. Hinter der Theke stand ein kahler Mittfünfziger und wienerte lustlos Aschenbecher. Über ihm prangten nikotingebeizte Repros von Winston Churchill und Al Capone. Ein Stück weiter entdeckte ich Adenauer, Albers und Chaplin. Alle unterm Harthut. Wahrscheinlich war der Laden eingerichtet worden, als »Mit Schirm, Charme und Melone« durch die Schwarzweißröhren der Republik flimmerte und alle Kerle von Diana Rigg träumten. Falls der Schuppen je bessere Tage gesehen hatte, waren sie lange her.
Ein halbes Dutzend Nachmittagstrinker brütete über Gläsern. Da ich auf Anhieb niemanden ausmachen konnte, der wie ein ehemaliger Pillenhöker aussah, orientierte ich mich an der Theke.
»Tach, Chef. Ich suche einen Gernot Dickmais. Soll hier Stammgast sein.«
Der Glatzkopf knurrte unwirsch. Unter seinen blutunterlaufenen Augen baumelten massige Tränensäcke. »Bin ich die Auskunft?«
Ich griff in die Brusttasche meines Hemds, zückte zehn Euro, glättete den Lappen auf dem Schanktisch und schob ihn ihm zu. Er streifte das Geld mit einem wegwerfenden Blick.
»Wenn du hier nix trinken willst, machste besser 'n Abgang. Ich hab was gegen neugierige Nasen.«
Da schrappte rechts von mir ein Stuhl.
»Schon gut, Harry.«
Der Mann saß vier Meter weiter alleine am Tisch. Vor sich ein leeres Schnapsglas und ein drei viertel gelenztes Helles.
»Herr Dickmais?«
Er deutete ein Nicken an. Sein flachsblondes Haar war ausgedünnt, und das ungesund glänzende Rosa der Gesichtshaut verriet, dass er den Schnaps häufiger mit Bier runterspülte.
»Was wollen Sie?«
Indessen hatte Harry es sich anders überlegt und fuhr seine feuchte Tatze aus, um das Pfund einzusacken. Ich schnalzte tadelnd und steckte das Geld langsam wieder ein. Harry wandte sich grummelnd ab.
»Es geht um Markus Roth«, sagte ich. »Haben Sie 'n paar Minuten Zeit?«
Dickmais zeigte mir sein gelbes Gebiss.
»Seh ich aus, als ob ich dringende Termine hätte?«

Eine halbe Stunde später saßen wir rauchend vor meinem zweiten Kaffee und seinem dritten Bier. Auf die Nachricht von Roths Tod hin hatte er bloß halblaut geflucht, leer gekaut und resigniert genickt.
»Ich wusste, dass das nicht gut ausgehen würde ...«
»Was?«
»Na, diese ganze Geschichte.«
»Welche Geschichte?«
»Wer sich so einer Lobby entgegenstellt, muss sich warm anziehen. Das sind Leute mit glänzenden Verbindungen. Ehrenwerte Stützen der Gesellschaft. Fühlen die sich an den Karren gefahren, sieht man sehr schnell alt aus. Was meinen Sie, wie viel in großen Laborpraxen gemauschelt wird? Bei Kardiologen ist es nicht anders. Die decken sich alle gegenseitig, und die Funktionäre von den Kassen, die sie kontrollieren sollen, sind entweder ahnungslos oder gekauft.«
»Geht's etwas konkreter?«
»Nirgendwo in Europa wird so großzügig indiziert wie bei uns. Nirgendwo ist es leichter, völlig überflüssige, teure Medikamente auf den Markt zu bringen. Mit Gesundheit hat das wenig zu tun, sondern nur mit Geschäft. In Wahrheit denken die sich ständig neue Gebrechen aus, mit denen sie die Versicherten schröpfen können ...«
Aber außer Allgemeinplätzen über korrupte Mediziner konnte ich ihm wenig entlocken. Über Roths Privatleben wusste er so gut wie nichts. Seine Augen badeten in Glimmer, der Mund stand halb offen, und die Zunge schlurfte.
Ich fragte mich, ob Roth ihm je etwas anvertraut hatte. So, wie es aussah, hatten die beiden bloß ein Glaskollektiv gebildet und Weltschmerz getauscht. Da kam er plötzlich auf den toten Patienten zu sprechen.
»Die Sache muss kurz vor unserer letzten Verabredung passiert sein. Das hat ihn ziemlich mitgenommen.«
Ich lüftete verständnislos die Brauen. »Welche Sache?«
»Ich denke, Sie haben gerade mit seiner Frau gesprochen«, grinste er. »Hat sie Ihnen denn nichts davon erzählt?«
»Nein.« Ich fluchte innerlich. »Wann war das?«
»Ungefähr vor drei Monaten. Ein junger Mann, bei dem man einen Routineeingriff gemacht hatte. Irgendeine harmlose Sache, bei der normalerweise nichts schief geht. Der Mann landete als Notfall bei ihm im OP ...« Dickmais lehnte sich zurück und machte eine dramatische Pause. »Roth legt Ihnen jeden Bypass. Aber bei 'nem septischen Schock kann auch er nur noch beten.«
»Wie bitte?«
»Der Mann starb an 'ner Blutvergiftung.«
»Langsam.«
»Roth sagte, das sei nicht anders zu erklären, als dass die Katheter verschmutzt gewesen wären.«
Dickmais leerte das Glas, wischte den Schaum von der Oberlippe und rief Harry zu, er solle ihm noch ein Helles zapfen. Ich überschlug, wie viele er sich vorher bereits einverleibt hatte.
»Das heißt, erst der Eingriff hat den Mann umgebracht?«
»So habe ich ihn verstanden.«
»Also waren die Katheter nicht vernünftig sterilisiert?«
Dickmais beugte sich über den Tisch, stieß auf und hüllte mich in eine süßliche Bierwolke. »Das sind Einwegteile«, lächelte er. »Die kann man gar nicht sterilisieren.« Im Zurücksacken drückte er die Zigarette aus, warf die Stirn in Falten und bleckte die Zähne. »Kapiert?«
Ich nickte blöde.
Roth hatte Steinhausen gesagt, der Abrechnungsschwindel hinge mit einem »krassen Hygieneskandal« zusammen. Eine tödliche Sepsis war in der Tat krass. Wieso hatte meine Auftraggeberin davon nichts erwähnt? Bisher war es der einzige Hinweis, dass ihr Gatte nicht nur phantasiert hatte.
»Wissen Sie, ob Roth mit Willemsen darüber gesprochen hat?«
»Mit wem?«
»Mit dem Chef des Herzzentrums.«
In dem Moment erschien die Glatze und pflanzte das Blonde auf den Tisch. Dickmais schlürfte andächtig.
»Das sind doch alles Verbrecher«, verkündete er.
»Wer? Willemsen?«
»Willemsen auch.« Dickmais stellte ächzend das Glas ab und zuckte resigniert die Achseln. »Die Industrie schmiert Ärzte, Kassen und Politiker. Da läuft nichts ohne. Was meinen Sie, warum es noch immer keine Positivliste gibt und Medikamente bei uns ein Vielfaches kosten wie anderswo in der EU?«
Es drohte wieder grundsätzlich zu werden. Er setzte sich auf und suchte meinen Blick.
»Weil sie alle korrupt sind ...«
Sein Hemdkragen bettelte um Gallseife. Er war schlecht rasiert und roch.
»Die Gesundheitsreform ist ein Witz«, nuschelte er. »Pure Augenwischerei. Weshalb hat der Patentschutz auf pharmazeutische Produkte so endlos lange Laufzeiten?«
Die rhetorische Frage kam kombiniert mit feuchter Aussprache. Ich wich zurück, um weiterem Sprühregen zu entgehen.
»Was weiß ich? Weil die Entwicklung so teuer ist? Im Moment interessiert mich nur Willemsen.«
Dickmais beugte sich vor. »Ha!« Seine flache Hand klatschte triumphierend auf den Tisch. Mein Kaffee schwappte über. »Wissen Sie, welche Profitraten die Pharmaunternehmen in den letzten zehn Jahren durchschnittlich hatten?«
»Nein«, sagte ich. »Aber mein Freund Steinhausen.«
»Wer?«
Anscheinend ließ ihn nun auch das Kurzzeitgedächtnis im Stich.
»Das ist der Journalist, von dem ich Ihnen erzählt habe. Der Mann, an den sich Roth gewandt hat.«
Bei der Erwähnung des Toten schwenkte er innerlich um, stierte ins Bier und wurde gefühlvoll. »Roth hatte noch Ideale«, erklärte er. »Im Gegensatz zu mir ...«
Was ich bisher über den Chirurg in Erfahrung gebracht hatte, klang anders, aber ich ließ mich gern belehren.
»Ich bin ein Schwein«, stellte er fest, während sein Blick zu schwimmen begann. »Ich hab meine Abfindung eingesackt und die Schnauze gehalten. Obwohl ich wusste, dass das Trimethoprim entsorgt gehörte.«
»Das was?«
»Trimethoprim-Sulfamethoxazol. Ein Breitband-Antibiotikum. Setzt man unter anderem bei Typhus ein.« Er rülpste. »Ausgezeichnetes Mittel. Bloß nicht Jahre nach dem Verfallsdatum. Bohl von der Interpharma war da anderer Meinung. Für Afrika, sagte er, sei es noch gut genug. Drei Viertel der Neger stürbe sowieso an Aids.«
Sein herber Lacher endete in einem Schluckauf. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare regten.
»Bohl?«
»Dr. Oswald Bohl. Das Verkaufsgenie der Interpharma.«
»Wohin gingen die Medikamente?«
Bevor er antwortete, winkte er dem Kahlkopf und deutete auf sein halb volles Glas.
»Äthiopien, Somalia, Sudan. Das meiste als Hilfslieferungen.«
Einen Moment lang blickte ich wieder durch die verdreckte Windschutzscheibe des grauen Bedford-Lorrys, der im Konvoi mit drei anderen Lastern Hilfsgüter aus Port Sudan für Überschwemmungsopfer in den Süden bringt. Höre das Röhren des überheizten Motors, rieche Öl, Schweiß und Staub und spüre feinen Sand zwischen den Zähnen.
Günther hatte die Sache organisiert. In Khartum, bei einem Büro der UNO. Es sei der direkteste Weg nach Juba. Außerdem könnten wir so wenigstens was Sinnvolles tun, sagte er. Schließlich warteten die Kinder auf das Zeug.
Die Fahrt sollte vier Tage dauern und dauerte vierzehn. Unterwegs krallten wir uns an verrutschende Gepäckstücke, kauten Staub und gruben bis über die Achsen versackte Räder aus dem Mahlsand. Hinter Kosti, wo die Bahntrasse aus dem Norden endete, gab es kaum noch Wegmarkierungen, nur gelegentlich mal ein Fahrzeugwrack und abgeknickte Telegrafenmasten.
Irgendwann endlich erreichen wir Malakal, stehen im alten Militärkrankenhaus, einer Ziegelbaracke aus Kolonialtagen – die Fenster aus löchrigem Fliegendraht, je Raum achtzig Betten, zwei Kinder pro Bett. Ich betrachte den Kleinen mit dem Greisengesicht. Seine stumpfe Haut schimmert wachsgrau. Er ist keine drei, aber hat längst alles Leid gesehen, das in zwei Seelenlöcher passt. Jetzt ist er müde, zu müde, um die trägen, blauschwarzen Fliegen zu verscheuchen, die überall auf ihm herumkriechen, seine eitrigen Lider säumen, sich mit gierigen Rüsseln auf seine großen, wunden Augen tasten. Der chinesische Arzt neben uns wiegt erschöpft den Kopf.
Sein holpriges Englisch echot durch mein Ohr: »You just come too late ...«
Hier saß ich nun, zwanzig Jahre später. Dachte an den Jungen. Und an Günther. Mein Magen krampfte sich zusammen. Noch immer. Immer wieder.
»Hilfslieferungen?«
»Da wird kaum kontrolliert. Die Nummer ist ganz simpel. Alles, was man braucht, sind frische Verpackungen. Geht die Sendung in ein Land, wo eh kein Mensch Deutsch spricht, kann man sich den Stress sparen. Fällt's trotzdem auf, war's 'n bedauerlicher Irrtum. Dann haben die Leiharbeiter beim Verladen eben Scheiße gebaut und die Paletten verwechselt.«
Außer Zementsäcken, Schaufeln, Mischmaschinen, Plastikplanen und Saatgut hatten sich auf den Ladeflächen der Bedfords auch Pappkartons mit Medikamenten getürmt. Ich erinnerte mich noch an die Beschriftung, die in Englisch, Französisch und Arabisch darauf hinwies, dass das Zeug stets kühl zu lagern sei. Keine ganz leichte Übung bei vierzig Grad im Schatten. Da half es, dass auf den Gepäckbergen mindestens dreißig Menschen hockten. Die schützten das verderbliche Gut wenigstens vor der mörderischen Sonne. Nach Malakal kamen wir trotzdem zu spät. Ein paar Tage eher, und die Kinder hätten vielleicht überlebt.
Ich riss mich zusammen.
»Das läuft mit Wissen der Firmenleitung?«
Dickmais streifte sich über seinen schütteren Schopf und nickte trübsinnig.
»Ich konnte bloß nichts beweisen. Da zog ich die Arschkarte.«
Wieder glitt ein feuchter Film über seine Augen. Noch ein Bier, und er zerfloss.
»Was hat das alles mit Roth zu tun?«
»Mit Roth?« Sein glasiger Blick wirkte irre. »Nix«, lachte er, während ihm ein Speichelfaden aus dem Mundwinkel rann. »Zumindest nicht dass ich wüsste.«