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©arsten Lübbert
Makabere Ausgrabungen

von
Carsten Lübbert



Kategorien
Alltägliches; Besinnliches; Finsteres; Heiteres; Historisches
Makabere Ausgrabungen

Unser kleiner Friedhof am Lanzer See

Die Einwohner des Blockhausdorfes am Lanzer See staunten nicht schlecht, als eines Morgens eine beachtliche Zahl von Polizisten mit schwerem Gerät auftauchte und mit schwerem Räumgerät ein benachbartes Grundstück umpflügte. Da diese Behörde für derlei Dienstleistungen bisher nicht bekannt war, bestand große Verwirrung.
Kurz zuvor, hatten zu fortgeschrittener Stunde, eine Reihe schwarzer BMW-Limousinen das Basedower Spritzenhaus besucht, in welchem bereits seit einigen Stunden die Nachbesprechung einer Feuerwehrübung stattfand. Die Gäste stellten sich den überraschten Feuerwehrmännern als Kriminalpolizisten vor und baten die Kameraden um Amtshilfe. Sie sollten in der Telefonzelle an der Kanalbrücke mittels eines Bolzenschneiders den Telefonhörer samt Kabel abschneiden, um diesen als Beweismittel zu sichern. Ein bei der Post beschäftigter Feuerwehrkamerad verstand die Welt nicht mehr und protestierte aufs äußerste gegen diese Form der Sachbeschädigung. Damit war der sicherlich ungewöhnlichste Einsatz der Wehr seit ihrer Gründung in vollem Gange. Der Hörer sollte, wie sich später herausstellte, als Beweismittel in einem spektakulären Entführungsfall sichergestellt werden.
Die Geschichte beginnt für die Öffentlichkeit in der Nacht zum 14.9.1991. Die als entführt gemeldete Christa S. (61) aus Hamburg taucht plötzlich und unerwartet bei der Polizei auf und berichtet von abenteuerlichen Erlebnissen. Die Hamburger Polizei war bereits seit Tagen mit dem Entführungsfall befasst, auf ein derart unspektakuläres Ende des Falles war sie allerdings kaum vorbereitet. Christa S. konnte offenbar Ihrem Entführer entkommen und wurde nun vorsichtshalber erst einmal von der Polizei medizinisch untersucht . Dabei zeigte sie sich in einem erstaunlich guten Zustand, frei von körperlichen Verletzungen. Ihre psychische Verfassung war jedoch sehr labil. Einerseits schien sie müde und abgespannt, dann wieder war sie ruhig und voll konzentriert. In diesen Phasen gewann die Polizei konkrete Einblicke in den Entführungsfall.
Christa S. konnte während der ersten Vernehmung detaillierte Angaben zur Person des Entführers machen. Sie beschrieb darüber hinaus ihren Kerker. Während der Gefangenschaft gelang es ihr sogar, die Marke sowie die Seriennummer der Handschellen im Inneren ihres Mieders zu vermerken. Diese Informationen führten zwangsläufig zur schnellen Festnahme des in Basedow wohlbekannten Kürschners Lutz R. (43) aus Hamburg-Rahlstedt, der nach seiner Ergreifung, schnell ein Teilge¬ständnis ablegte. Auf die Frage, warum er die Entführung beendete, antwortete der Täter, seine Frau sei überraschend aus dem Urlaub zurückgekehrt.
Am 26.5.1992 fällte das Landgericht Hamburg gegen den Angeklagten Lutz R. ein ausgesprochen mildes Urteil. Seine Vorgeschichte als Arbeitsloser, dem es nicht gelang, beruflich wieder festen Fuß zu fassen, seine Astrologiegläubigkeit sowie die Annahme, es handle sich um einen reuigen Ersttäter, wurden ihm unter anderem zu Gute gehalten. Man wollte ihn nicht seiner „bürgerlichen Existenz“ berauben.
Am Rande des Gerichtsverfahrens wurde in einer Verhandlungspause, die mit dem Fall betraute Kriminalbeamtin Z. auf einen anderen Vermisstenfall angesprochen. Frau R., die Mutter der seit 1988 vermissten Annegret B. (31), wies die Kommissarin auf diverse Parallelen des aktuellen Falls mit zwei weiteren Fällen aus den Jahren 1986 und 1988 hin.
1986 war Hildegard K., die erste Ehefrau des damaligen Arbeitgebers (61) von Lutz R. spurlos verschwunden, seit 1988 gab es kein Lebenszeichen mehr von Annegret B.(31). Beide waren mit Lutz R. gut bekannt.
Die Kommissarin nahm diese Hinweise sorgfältig auf und ging den Spuren nach. Sie beschaffte sich die Akten der vermissten Personen und wurde in Sachen Hildegard K. im Landeskriminalamt fündig. Die Unterlagen zum Vermisstenfall Annegret B. fand sie beim Amtsgericht Wandsbek. Da die Akten in unterschiedlichen Behörden lagen, wurde noch niemand bei der Polizei auf die Ähnlichkeiten in den drei Fälle aufmerksam.
Nach intensivem Aktenstudium bestätigte sich bei der Kriminalbeamtin ein grausiger Verdacht. Die Fälle müssen den gleichen Täter haben. Die unübersehbaren Parallelen konnten nicht zufällig sein.
Kommissarin Z. musste allerdings noch einige Überzeugungsarbeit leisten, bis die „Sonderkommission Lutz R.“ (SOKO 924) bei der Hamburger Mordkommission eingerichtet wurde.
Diese Kommission bekam nun alle Hände voll zu tun. Ein Mosaikstein passte zum nächsten, und Herr R. begann zögerlich die Fahndungserfolge der Kriminalpolizei zu bestätigen. Da er aber nicht mehr zugab, als die Polizei ihm ohnehin schon nachgewiesen konnte, begannen die Ermittler auf den Grundstücken des Angeklagten Erdarbeiten durchzuführen. Man vermutete, dass er die Personen in einem seiner Häuser gefangen gehalten, ermordet und dann auf den Grundstücken beseitigt hat.
Und hier kommt nun wieder Basedow ins Spiel. Auf dem Grundstück am Lanzer See fand sich in 2m Tiefe unter einem Betonsockel ein Kunststofffass, welches den gefesselten Torso einer Frau, abgetrennte Gliedmaße sowie einen Kopf enthielt. Wie die Hamburger Gerichtsmedizin nachweisen konnte, handelte es sich um die weltlichen Überreste von Annegret B. Die Experten der Rechtsmedizin konnten noch nach Jahren die Identität der Toten zweifelsfrei nachweisen. 30 Liter 30%-ige Salzsäure konnten das Opfer nicht beseitigen.
Der Nachweis dieser Taten brachte Herrn R. nunmehr ein angemessenes Urteil ein. Wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten schweren Raubes in Tateinheit mit Freiheitsberaubung sowie wegen erpresserischen Menschenraubes wurde er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe als Gesamtstrafe verurteilt. Die besondere Schwere seiner Schuld wurde festgestellt. Nach Verbüßung der Strafe wurde für ihn Sicherheitsverwahrung angeordnet.
Lutz R war in Basedow ein beliebter Gast auf allen Dorffesten. Er hatte einen großen Bekanntenkreis, galt als Spaßvogel auf jeder Party und war durchaus beliebt bei den Nachbarn.
Niemand hätte es auch nur im Traum für möglich gehalten, was sich in der Zeit von 1986 bis 1988 im beschaulichen Blockhausdorf abspielte und was sich dann sogar als „Hamburg Thriller“ im Fernsehfilm „Angst hat eine kalte Hand “ niederschlug.
Wie sich heute herausstellt, hat Lutz R. mit seinen Interessen nie „hinterm Berg gehalten“. So vergrub er die Fässer bei Tag unter den Augen seiner Nachbarn. Auf Anfrage, was er dort mache, antwortete er bereitwillig: „Ich vergrabe eine Leiche“. Im Garten bewegte er sich vorzugsweise nackt, was für die Nachbarschaft mittlerweile zum gewohnten Bild geworden war, was sie aber nicht zwingend zum Hinsehen einlud. Auch aus seinen sadomasochistischen Neigungen und diversen Liebschaften machte er kein Geheimnis. Was auch aus dem von der SOKO 924 erstellte Soziogramm über Lutz R. und seinem Umfeld, bestätigt werden konnte, - es füllte eine ganze Wand.
„Unserem“ Säuremörder waren, trotz zahlreicher psychologischer Tests, keinerlei seelische Auffälligkeiten nachzuweisen. „Er ist geistig kerngesund“, sagte Professor Püschel über den Delinquenten. „Er versteht es, seine Interessen zu vertreten“.
Dass die Anwohner absolut keinen Argwohn gegen Lutz R. hatten, zeigte sich auch daran, dass man gemeinsam mit ihm in den Urlaub fuhr und die Nachbarskinder bei ihm übernachten ließ. Da er auch einen florierenden Schwarzhandel mit Pelzmänteln betrieb, ging er in vielen Häusern ein und aus. Diverse Damen aus Basedow lud er in sein Urlaubsdomizil nach Costa Rica ein; diesen Einladungen ging für gewöhnlich ein Gespräch über den Finanzstatus der Frauen voraus.
Auf Damen mit einem gut gepolsterten Bankkonto hatte er es abgesehen. Gegenüber unvermögenden Frauen in seiner Nachbarschaft zeigte er sich bis zur Unhöflichkeit uninteressiert. Hatte er allerdings einen dicken Fisch an der Angel, dergestalt dass er das Vertrauen einer vermögenden Dame gewann, lockte er sie in sein Haus, verbrachte sie in seinen schalldichten Atomschutzkeller, aus dem es kein Entrinnen gab und presste sie dann finanziell aus wie eine Zitrone. Dabei stellte er sich durchaus sehr geschickt an. Er ließ seine Opfer Postkarten ausfüllen und verschickte diese aus unterschiedlichen Teilen der Welt. Waren die Finanzen erschöpft, galt es die Opfer zu beseitigen. Dabei unterlag er allerdings dem Trugschluss, die Salzsäure würde dies für ihn bewerkstelligen.
In Costa Rica hatte Lutz R. ein großes Anwesen, von welchem er eine mysteriöse Schatzsuche koordinierte. Für diese Vorhaben benötigte er permanent neue Finanzmittel. Und Skrupel bei der Beschaffung dieser Mittel kannte er nicht, sein Leitspruch, den auch in Basedow jeder kannte war:

„Ihr glaubt ja nicht, wie schwer es ist, an das Geld anderer Leute zu kommen.“

[1] Regie: Matti Geschonneck, Buch: Rainer Berg. Der Film weist stark fiktive Züge auf, basiert aber auf dem Fall des „Kürschners von Rahlstedt“
[2] Prof. Dr. med. Klaus Püschel: Institut für Rechtsmedizin Hamburg