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©arsten Lübbert
Tierbegegnungen am Kanal

von
Georg Peinemann



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Naturkundliches
Als der Elbe-Lübeck-Kanal anno 1900 eröffnet wurde, galt er als "technische Meisterleistung zum Wohle der Menschheit", was sicher auch richtig war und ist. Doch dieser Kanal mitten im Lauenburgischen ist Lebensraum für ganz unterschiedliche Tierarten - vom Adler bis zum Biber.

Da quort ein Schwimmvogel auf dem Elbe-Lübeck-Kanal und taucht ab. "Kultursommer am Kanal" mit Musik, Wanderungen und Ausstellungen.
Der Haubentaucher plustert sich auf: Gehören wir Tiere etwa nicht zur Kultur? Sind wir nicht gar Hauptdarsteller, wenn es um die Natur am Kanal geht?
Immer mit der Ruhe, lieber Haubentaucher; verschluck dich nicht vor Ärger an deinem etwas zu groß geratenen Fisch. Wir sorgen schon dafür, dass auch Vögel, Säugetiere und Fische gebührend gewürdigt werden..
Nicht nur viele Singvögel leben, brüten und singen am Kanal, der das Lauenburgische von Nord nach Süd durchquert, und nicht nur der eher ungeliebte Bisam buddelt in der Kanalböschung, sondern auch recht seltene Vertreter der Tierwelt fühlen sich im Wasser, auf dem Lande und in der Luft über dem Wasser wohl.
Den Riesenvogel, der mit einer Flügelspannweite von fast 2,50 Metern den Kanal kontrolliert, hat sich der Haubentaucher bestimmt nicht herbeigesehnt. Der könnte ihm nämlich sehr gefährlich werden. Der mächtige Seeadler schwebt langsam herab und krallt sich einen pfundschweren, von einer Schiffsschraube verletzten Aal. Häufiger als der seltene Seeadler stattet der kleinere Fischadler dem Kanal einen Besuch ab, um hochstehende Brassen und Rotaugen zu erbeuten.
Ein besonderes Ereignis war im Bereich des Bergholzer Forstes der Flug eines Uhus in der Dämmerung. Er suchte die Kanalböschung ab und erbeutete mit sicherem Griff ein Kaninchen. Von den vielen Singvögeln am Kanal seien hier zwei gegensätzlicher Art erwähnt. Die alten Pappeln dienen Hunderten von krächzenden Krähen als Schlafbäume. Krähen sind wahrlich keine wohltönenden Sänger. Im Gegensatz dazu ertönt aus Büschen und kleinen Bäumen am Kanal das liebliche Lied der Nachtigall.
Und die Säugetiere? Dort, wo sich in Kanalnähe Wälder ausdehnen, wie am Bergholzer Forst und Grambeker Wald, sind die Spuren von schwergewichtigen nächtlichen Besuchern nicht zu übersehen. Uriges Schwarzwild pflügt auf den Wiesen das Erdreich auf der Suche nach Würmern und Mäusen um. Die Angler wundern sich über fußballgroße Löcher am östlichen Kanallauf zwischen Witzeeze und Dalldorf. Wer hat hier des Nachts gewühlt? Ein Blick durch das Nachtsichtsichtgerät enttarnte den Wühler als einen Dachs. Grimbart sucht hier Würmer, Käfer und Mäusenester. Auch der Fischotter ist in den letzten drei Jahren vereinzelt wieder in der Dämmerung im Kanal aufgetaucht. Für ihn ist das unruhige Gewässer eine Wasserstrecke, um zu den anliegenden Seen zu gelangen. Die Schleusen bewältigt dieser Wassermarder mit einer Umgehung an Land.
Auch ein Exemplar des in der Elbe wieder heimisch gewordenen Bibers ist im Kanal bei Lanze gesehen worden. Biber umgehen auf der Suche nach sauberen Bächen mit bewaldeten Ufern die Schleusenanlagen.
Angler schätzen den Kanal als Aalgewässer. Auch Hechte, Zander, Barsche, Rotaugen, Karpfen und Aalquappen leben im Kanal. Die Meldung vom Fang eines Lachses ließ aufhorchen, auch als sich herausstellte, dass es sich dabei um eine Meerforelle gehandelt hat.
Diese edlen Fische, die wieder in der Elbe vorkommen, versuchen im Winter vom Kanal aus in saubere Bäche zum Laichen aufzusteigen. Ihre Wanderung wird jedoch durch Schleusenanlagen gestoppt.
Der Waschbär betätigt sich vereinzelt in Nachschicht als "Kanalarbeiter". Er stochert in Entwässungsgräben neben dem Kanal nach Fischen, Krebsen und Mäusen. Auch der Marder-Hund, im Kanal-Hinterland längst heimisch, wagt sich zuweilen bis zu den Kanalufern vor. Der Kanaldamm und die Gräben dahinter locken Steinmarder zur Jagd auf Bisam und Mäuse. Enten Haubentaucher, Schwäne und Blässhühner beleben das Gewässer. Hin und wieder fallen auf der Durchreise seltene Wasservögel ein, apart gezeichnete Prachttaucher und Brandgänse mit dunkelgrünem Kopf und braunem Brustband. Zum Schluss meldete sich noch ein hundert Kilogramm schwerer, wohl einmaliger Überraschungsgast: Im Sommer 1987 entdeckte ich am Schäferbuschsee bei Dalldorf einen Seehund, der sich dort am sandigen Ufer räkelte. Ich robbte mich über die Wiese auf fünf Meter heran und stellte fest, dass der ungewöhnliche Gast auf einem Auge blind war. Der Seehund schwamm nach kurzer Pause in tieferes Wasser, tauchte lässig ab und kam mit einem Brassen im Fang wieder an die Oberfläche. Enten, Haubentaucher und selbst der aggressive Schwan mieden seine Nähe. Der See hat eine direkte Verbindung zum Kanal. Die nutzte der Seehund für einen fünftägigen Ausflug in das relativ ruhige Gewässer. Er fraß Brassen, Rotaugen und Krebse. So plötzlich wie er aufgetaucht wart, empfahl sich der graumelierte Gast wieder. Der Seehund erreichte wohlbehalten die Elbe und steuerte zügig deren Mündung an.
Wilhelm II. weihte am 16 Juni 1900 den Elbe-Lübeck-Kanal ein, eine "technische Meisterleistung zum Wohle der Menschheit", wie es damals hieß. Die Tierwelt wollte teilhaben an der neuen Wasserstraße und eroberte sich Nischen, Rastplätze und neue Lebensräume.

Mit Genehmigung des Autors Georg Peinemann, aus den Lübecker Nachrichten, 11./12. Juni 2006.