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©arsten Lübbert
Schleuse Behlendorf: 100 Jahre Elbe Lübeck Kanal

von
Andreas Henschel



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Alltägliches; Historisches; Nautisches
Der Flussweg von Lübeck nach Lauenburg
Ruhig steht das Wasser, in weichen Krümmungen folgt die Linienführung feinfühlig dem sanft hügeligen Gelände. Harmonisch ist das dunkle Band von Süden nach Norden in den Verlauf der Natur eingefügt, so als hätte sich das Wasser diesen Weg selbst gesucht. Ein reicher Hamburger Fischhändler hat sich hier ein Häuschen errichtet, von dem aus er Wasser, Landschaft und die über die Region ziehenden Wetterwolken beobachten kann. Nur wenige Meter entfernt stehen die Reste einer Windmühle; die Müller und Bäcker hatten die Windenergie über den Hügeln am Wasserlauf lange genutzt, bevor sie zur Stromerzeugung gefunden wurden. Die Inflation, eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit, raubte dem Fischhändler seine Ersparnisse, er musste seinen Ruhestand im Altersheim verbringen, statt ihn im erbauten Wohnsitz zu genießen. So schöpft heute ein Schriftsteller mit seiner Frau Kraft aus dem Blick über den Elbe-Lübeck-Kanal, den der Lübecker Wasserbaudirektor Rehder entwarf und dem Verlauf der alten Stecknitz und ihrem Kanal in einem eiszeitlichen fast nord-süd-ausgerichteten Urstromtal anpasste.


Der sogenannte Rehderblick Behlendorf vom Schorberg auf Schleuse und Kanalverlauf
(Foto: Andreas Henschel)
Im Sommer ziehen zur frühen Morgenstunde Angler im Gänsemarsch zu ihren Plätzen entlang des Kanals, um schweigend ihrer Profession nachzugehen. Eine Entenfamilie schwimmt zum ersten Tagesausflug über das Wasser, am Himmel kreist ein Bussard, lauert in ruhigem Flug auf Beute aus den Wiesen und Feldern. Fern schwebt ein Heißluftballon, um die Thermik des Tagesbeginns zu nutzen. Auch der Ballonfahrer hat sich diesen südlichsten Ort des Lübecker Sprengel ausgesucht, um den städtischen Trubel der Hansestadt allenfalls aus der Luft zu beobachten. Von den Hügeln bei Hollenbek sind die sieben Türme Lübecks zu sehen, litten die Menschen mit, als nach der schrecklichen Brandnacht im zweiten Weltkrieg Rauchwolken am Himmel standen. Der jahrhundertealte Einfluss Lübecks ist an der Halskrause der Pastoren wie früher bei den Lübschen Ratsherren statt des sonst üblichen Beffchens zu erkennen, er ruft noch heute den Ärger der Jäger über Forstamtsbeamte aus der Stadt hervor und hat mit Peter Rehder und Ludwig Hotopp mit einer der lange Zeit mordernsten Wasserstraßen einen Niederschlag gefunden. Der eine, Peter Rehder, plante in großem Rahmen, der andere, Ludwig Hotopp, baute Schleusen und verstand es durch seine Konstruktionen, den Mangel an elektrischer Energieversorgung auszugleichen.

Rapsfeld am Kanal bei Behlendorf
(Foto: Andreas Henschel)

Schleusen sind das technische Hilfsmittel, den Niveauausgleich auf insgesamt 67 Kilometern Länge auszugleichen. Fünfmal geht es aufwärts von Lübeck, bis die zwölf Meter höher liegende Scheitelstrecke auf dem Niveau des Möllner Sees erreicht ist, dann erfolgt zweimal ein Abstieg über Schleusen bis zum Niveau der Elbe. Hotopps Ideen und ihre Ausführungen waren nicht nur genial, sondern auch dauerhaft. Seine Schleusen mit einem Torantrieb aus Druckluft präsentieren sich noch heute, hundert Jahre nach ihrem Einbau, weitgehend im Originalzustand.

Der Kanal bei Hollenbek
(Foto: Andreas Henschel)

Auf einem Dalben an der Schleuse Behlendorf brütet eine Möwe. Links und rechts erstrecken sich Felder, Schafe weiden, Kühe grasen auf einer Wiese. Einziger Lärm kommt kurzzeitig von zwei Butschern, die um das Recht einer Erstentdeckung streiten, dann setzen sie ihr Spiel fort, werfen flache Steine, die über das Wasser hüpfen. Langsam nähert sich ein Frachter, tuckert in Schrittgeschwindigkeit vorbei. Sechs, sieben Kilometer in der Stunde, legt das Schiff zurück, zehn wären die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Das Echolot im Ruderhaus zeigt beängstigende 0,5 Meter, manchmal 0,4 Meter Platz unter dem Schiffsboden bis zum Kanalgrund. Kein Grund zur Besorgnis für die Schiffer, sie wissen das am Heck noch weitere 15 cm weniger sind, also nur 25 bis 35 cm, nur wenig mehr als eine Handbreit, die stets unter dem Kiel sein soll.

Freizeitschiffer an der Ziegelei Behlendorf
(Foto: Andreas Henschel)

Um die notwendigen Zentimeter unter dem Kiel zu haben, sind die meisten Schiffe nur zu zwei Dritteln beladen. Nurmehr eine geringe Fracht wird insgesamt auf dem Kanal transportiert, im 99. Jahr seines Bestehens waren es insgesamt 1,1 Millionen Tonnen. Dabei sind die Voraussetzungen günstig: Der Elbe-Lübeck-Kanal verbindet die Ostsee mit dem europäischen Wasserstraßennetz. Lübeck ist die einzige Hafenstadt, die eine solche Verbindung bietet. Aber wenn die Schiffe nur 1000 statt 1400 oder 800 statt 1200 Tonnen laden und transportieren, liegt auf der Hand, dass die Kostenstruktur nicht stimmt und andere Wege gesucht werden. Der Lübecker Hafen meldet einen Umschlagrekord von 25,2 Millionen Tonnen im letzten Jahr des letzten Jahrhunderts. Und da nur 5 Prozent der Güter, die in Lübeck über die Kaikanten gehen, in der Stadt oder in Schleswig-Holstein verbleiben und 95 Prozent weitergereicht werden, liegt der auf der Hand, dass etwas getan werden muss für den Elbe-Lübeck-Kanal. Schiffe werden nach Standards gebaut, und die heute gängige Größe ist die eines Europaschiffs mit 1.350 Tonnen Ladung. Der zweite gängige Typ sind Großmotorschiffe mit einer Kapazität von 2.000 Tonnen, die aber wegen ihrer Länge von 110 Metern zehn Meter zu lang für den Kanal sind. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist noch nicht in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Das wäre Voraussetzung, den Kanal nicht nur zu erhalten, sondern auch für die Zukunft fit zu machen. Prognosen gehen von 37 Millionen Tonnen Güter Jahresumschlag für den Lübecker Hafen im Jahr 2010 aus. Damit der Straßenverkehr nicht zum vollständigen Erliegen kommt, könnte der Anteil des Kanals am Weitertransport auf fünfzehn Prozent gesteigert werden.

Gedenkstein für die Stecknitzfahrer auf dem Friedhof Berkenthin
(Foto: Andreas Henschel)

Sieben Schleusen und eine Fähre befinden sich zwischen Lübeck und der Elbe
  • Büssau
  • Krummesse
  • Berkenthin
  • Behlendorf
  • Donnerschleuse
  • Witzeeze
  • Lauenburg
  • Fähre Siebeneichen

Die gemächliche Fahrt verlangsamt sich stets an den Schleusen, an denen die Schleusenwärter zwischen 6 und 21 Uhr Dienst haben. Nach dem Anmelden per Funk, damit der Wärter nicht gerade seine Hühner füttert, geht es im Zentimetertempo in die Schleuse. Die heutigen Schiffe haben keine großen Steuerräder mehr, sondern werden über einen kleinen Hebel bedient. 800 Tonnen Ladung plus etwa 500 Tonnen Eigengewicht werden so spielerisch, aber langsam dirigiert, damit sie nicht gegen das hintere Schleusentor stoßen. 1.300 Tonnen können eine Menge Schaden anrichten. Während des Schleusenbetriebes ist genügend Zeit, ein wenig mit dem Wärter zu schnacken. Willkommene Abwechslung, denn anderer Schiffsverkehr begegnet einem nicht allzu häufig.

So ist der Elbe-Lübeck-Kanal heute vor allem ein Naherholungsgebiet, das zum Glück noch nicht allzu bekannt ist. Spaziergänger führen Dackel und Riesenschnauzer aus, die durchs Gestrüpp stöbern und städtische Betonburgen mit verhaltensgestörten Mastinos und verhaltensgestörten Hundehaltern nicht einmal vom Hörensagen kennen. Viel Wild ist in den umliegenden Wäldern und in den Feuchtbiotopen tummelt sich so manches Tier, was sonst kaum mehr in der Natur zu finden ist. Blüht der Raps, ist das Farbenbild nicht mehr in Worte zu fassen und schon gar nicht über den TV-Schirm zu erfahren.

Seit Jahren leben die Menschen am Kanal, lang ist die Tradition der Schifffahrt. Früher waren es die Stecknitzfahrer, die noch zu Zeiten vor der Errichtung des Elbe-Lübeck-Kanals im Flussbett der alten Stecknitz fuhren. Nicht nur ein Denkmal neben der alten Kirche in Berkenthin erinnert an sie. Die alten Zeichen finden sich auch noch in alten Kneipen und die derben oder lustigen Sprüche und Lieder der Stecknitzfahrer setzen sich heute noch in so mancher Geschichte fort, die man um den Kanal hören kann.

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So wurde im Jahr 2000 gefeiert: 100 Jahre Elbe-Lübeck-Kanal

Mit einem dreitägigen Festprogramm beginn die Hansestadt Lübeck den 100. Geburtstag des Elbe-Lübeck-Kanals. Die Veranstaltung zum Bestehen des Gewässers, das Elbe und Ostsee miteinander verbindet fand entlang des Klughafens/Kanals statt.
Höhepunkt war ein Schiffskorso auf dem Kanal, der in Kooperation mit dem Vorstand des Feuerschiffes Fehmarnbelt und dem Hafen- und Seemannsamt organisiert wurde. Zu dieser Parade hatten sich bisher 26 historische Dampf- und Motorschiffe aus Deutschland und den Niederlanden angesagt. Hinzu kamen Schiffe, die zwar nicht kanalgängig sind, aber an dem Jubiläum und dem geplanten Treffen der alten Dampf- und Motorschiffe teilnahmen. Tag der offenen Tür hieß es bei den Hubbrücken, bei Jubiläumsfahrten mit der Dampfeisenbahn sowie verschiedenen sportlichen Aktionen. Eine Ausstellung zur Geschichte und Zukunft des Elbe-Lübeck-Kanals sowie die Fachtagung „Elbschifffahrtstag 2000“ ergänzten das Angebot.
Der Elbe-Lübeck-Kanal ist das Nachfolgegewässer des alten Stecknitz-Kanals, der „Nassen Salzstraße“ zwischen Lübeck und Lüneburg. Lübeck ist auch heute noch der einzige deutsche Ostseehafen mit einem Anschluss an das europäische Wasserstraßennetz. Der Elbe-Lübeck-Kanal ist technisches Denkmal, Bundeswasserstraße und landschaftlich reizvoller Freizeit- und Erholungsraum zugleich.

von Andreas Henschel, erschienen Sommer 2000